Dissoziation verstehen: Wenn die Psyche auf Abstand geht
Sich wie hinter Glas fühlen, den eigenen Körper als fremd erleben, Zeit verlieren: Dissoziation ist ein Schutzmechanismus der Psyche. Was dahintersteckt und wie man wieder Boden unter den Füßen bekommt.
„Es war, als würde ich mir selbst von außen zusehen.“ „Alles wirkte wie in einem Film.“ „Ich weiß nicht, wie ich nach Hause gekommen bin.“ So beschreiben Menschen Erfahrungen, die Fachleute Dissoziation nennen. Dissoziation ist kein seltenes Phänomen und an sich nichts Krankhaftes – leichte Formen kennen viele Menschen. Nach Traumatisierungen kann sie jedoch so häufig und stark auftreten, dass sie den Alltag deutlich beeinträchtigt.
Was ist Dissoziation?
Normalerweise erleben wir Wahrnehmung, Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und Erinnerungen als zusammenhängend. Bei Dissoziation wird dieser Zusammenhang teilweise unterbrochen. Man nimmt zum Beispiel die Umgebung wahr, fühlt aber nichts dabei – oder man funktioniert äußerlich, erinnert sich später aber nicht daran.
Alltägliche Beispiele sind das „Abschalten“ bei einer langen Autofahrt, bei der man sich an Teile der Strecke nicht erinnert, oder das völlige Versinken in einem Buch. Solche Erfahrungen sind normal.
Dissoziation als Schutzmechanismus
In einer extrem bedrohlichen Situation, in der weder Kampf noch Flucht möglich sind, kann Dissoziation eine wichtige Überlebensfunktion haben: Sie schafft inneren Abstand zu unerträglichem Schmerz, Angst oder Ohnmacht. Viele Menschen berichten, dass sie während eines Übergriffs oder Unfalls „nicht richtig da“ waren, nichts gespürt haben oder sich von außen gesehen haben.
Das Problem: Was in der Notsituation geschützt hat, kann sich verselbstständigen. Später tritt Dissoziation dann auch bei Belastungen auf, die objektiv nicht gefährlich sind – etwa bei Streit, Stress oder wenn ein Trigger Erinnerungen aktiviert.
Formen von Dissoziation
- Depersonalisation: Der eigene Körper, die eigenen Gedanken oder Gefühle wirken fremd, unwirklich oder wie von außen beobachtet.
- Derealisation: Die Umgebung erscheint unwirklich, neblig, wie hinter Glas oder wie in einem Traum.
- Dissoziative Amnesie: Erinnerungslücken für wichtige persönliche Informationen, oft im Zusammenhang mit belastenden Ereignissen.
- Emotionale Taubheit: Gefühle sind kaum oder gar nicht zugänglich.
- Körperliche Dissoziation: etwa vorübergehende Taubheit, Lähmungsgefühle, Schmerzunempfindlichkeit oder nicht-epileptische Anfälle.
- Identitätsveränderungen: In seltenen, schweren Fällen erleben Menschen unterschiedliche Persönlichkeitsanteile, die sich im Verhalten und Erleben deutlich unterscheiden (dissoziative Identitätsstörung).
Wann wird Dissoziation zum Problem?
Dissoziation wird behandlungsbedürftig, wenn sie häufig auftritt, sich kaum steuern lässt und den Alltag beeinträchtigt – zum Beispiel, weil Gespräche, Arbeitsaufgaben oder Zeit verloren gehen, weil man sich im Straßenverkehr gefährdet oder weil Beziehungen leiden. Dissoziative Symptome treten häufig im Rahmen einer PTBS oder komplexen PTBS auf; die ICD-11 kennt zudem eigenständige dissoziative Störungen.
Was im Moment hilft
Bei Dissoziation geht es darum, die Verbindung zur Gegenwart und zum Körper wiederherzustellen. Hilfreich sind kräftige Sinnesreize und Aktivität:
- Füße fest auf den Boden stampfen, aufstehen, umhergehen
- etwas Kaltes in die Hand nehmen oder kaltes Wasser über die Handgelenke laufen lassen
- an einem starken Duft riechen, ein saures Bonbon oder ein scharfes Kaugummi kauen
- laut sagen, wo man ist und welcher Tag heute ist
- Gegenstände im Raum zählen und genau beschreiben
Viele Menschen merken mit der Zeit Frühwarnzeichen – etwa ein Gefühl von Watte im Kopf oder einen verschwommenen Blick. Je früher gegengesteuert wird, desto leichter gelingt es. Weitere Techniken: Stabilisierung im Alltag.
Dissoziation in der Traumatherapie
Dissoziation ist für die Traumatherapie wichtig, weil die Verarbeitung belastender Erinnerungen nur gelingt, wenn die Person ausreichend im Kontakt mit der Gegenwart bleibt – man spricht vom Toleranzfenster. Therapeutinnen erfassen dissoziative Symptome deshalb sorgfältig, häufig auch mit Fragebögen. Bei ausgeprägter Dissoziation wird das Vorgehen angepasst: mehr Stabilisierung, kürzere Bearbeitungsschritte, häufigere Orientierung im Hier und Jetzt und besondere Aufmerksamkeit für Frühwarnzeichen. Bei EMDR kann zum Beispiel die Stimulation verlangsamt oder die Erinnerung in kleineren Ausschnitten bearbeitet werden. Mehr dazu: Nebenwirkungen und Risiken von EMDR.
Wichtig: Andere Ursachen abklären
Gefühle von Unwirklichkeit oder Erinnerungslücken können auch andere Ursachen haben, etwa Schlafmangel, Substanzkonsum, Medikamente, epileptische Anfälle oder andere neurologische Erkrankungen. Deshalb gehört eine ärztliche Abklärung dazu, wenn solche Erfahrungen neu oder häufig auftreten.
Häufige Fragen
Ist Dissoziation gefährlich?
Dissoziation an sich ist ein Schutzmechanismus. Problematisch wird sie, wenn sie häufig auftritt, den Alltag beeinträchtigt oder zu gefährlichen Situationen führt, etwa im Straßenverkehr.
Was ist der Unterschied zwischen Depersonalisation und Derealisation?
Bei Depersonalisation wirkt die eigene Person fremd, bei Derealisation die Umgebung unwirklich. Beides kann gemeinsam auftreten.
Kann man mit Dissoziation EMDR machen?
Ja, mit Anpassungen und einer erfahrenen Therapeutin. Oft wird zunächst an Stabilisierung und dem Erkennen von Frühwarnzeichen gearbeitet.
Quellen & weiterführende Literatur
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