EMDR-Nebenwirkungen: Welche Risiken gibt es – und für wen ist EMDR nicht geeignet?
Müdigkeit, intensive Träume, aufwühlende Gefühle: Welche Reaktionen nach EMDR normal sind, wann Vorsicht geboten ist und warum gute Vorbereitung so wichtig ist.
Jede wirksame Behandlung kann auch unerwünschte Wirkungen haben – das gilt für Medikamente ebenso wie für Psychotherapie. Bei EMDR werden belastende Erinnerungen gezielt aktiviert, um sie zu verarbeiten. Das kann vorübergehend aufwühlend sein. Dieser Artikel erklärt, welche Reaktionen häufig und normal sind, wann besondere Vorsicht geboten ist und wie Therapeutinnen Risiken verringern.
Ist EMDR gefährlich?
Bei fachgerechter Anwendung durch eine qualifizierte Therapeutin gilt EMDR als sichere Behandlung. In Studien brechen Teilnehmende EMDR nicht häufiger ab als andere traumafokussierte Therapien, und ernsthafte Verschlechterungen sind selten. Entscheidend ist, dass die Methode in einen sorgfältigen Behandlungsrahmen eingebettet ist: mit ausführlicher Anamnese, Vorbereitung und Stabilisierung, bevor belastende Erinnerungen bearbeitet werden. Die acht Phasen des EMDR-Protokolls sind genau dafür gedacht – mehr dazu im Artikel Die 8 Phasen der EMDR-Therapie.
Häufige Reaktionen während und nach einer Sitzung
Während der Sitzung
- Intensive Gefühle: Angst, Trauer, Wut oder Scham können kurzzeitig stärker werden, bevor sie nachlassen. Das gehört häufig zum Verarbeitungsprozess.
- Körperempfindungen: Druck, Kribbeln, Wärme oder Anspannung, manchmal genau dort, wo damals Schmerz oder Angst gespürt wurde.
- Neue Erinnerungen: Details oder verbundene Erlebnisse, an die lange nicht gedacht wurde, können auftauchen.
- Augenermüdung oder Schwindel: bei längeren Phasen mit Augenbewegungen. Dann kann auf taktile oder auditive Stimulation gewechselt werden.
Nach der Sitzung
- Müdigkeit und Erschöpfung: Verarbeitung ist anstrengend. Viele Menschen fühlen sich nach einer Sitzung ausgelaugt.
- Weiterarbeitende Verarbeitung: Gedanken, Bilder oder Gefühle können in den folgenden Tagen auftauchen.
- Lebhafte Träume: Manche Menschen träumen intensiver, teilweise auch von belastenden Inhalten.
- Kopfschmerzen oder Anspannung: meist vorübergehend.
- Stimmungsschwankungen: etwa Gereiztheit oder Traurigkeit, aber auch Erleichterung.
Diese Reaktionen klingen in der Regel innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen ab. Hilfreiche Tipps für die Zeit nach der Sitzung findest du im Artikel Nach der EMDR-Sitzung. Wenn Reaktionen sehr stark sind oder länger anhalten, solltest du das mit deiner Therapeutin besprechen – gegebenenfalls auch vor dem nächsten regulären Termin.
Wann ist besondere Vorsicht geboten?
Es gibt Situationen, in denen EMDR nicht sofort oder nur mit Anpassungen eingesetzt werden sollte. Man spricht von relativen Gegenanzeigen – sie schließen EMDR nicht grundsätzlich aus, erfordern aber eine sorgfältige Abwägung und meist mehr Vorbereitung:
- Akute Suizidalität oder schwere Selbstverletzung: Zuerst stehen Sicherheit und Krisenbewältigung im Vordergrund.
- Akute Psychose: Während akuter psychotischer Phasen wird in der Regel keine Traumakonfrontation durchgeführt. Bei stabilen Menschen mit Psychoseerfahrung kann eine traumafokussierte Behandlung unter fachkundiger Begleitung möglich sein.
- Ausgeprägte Dissoziation: Wer während der Bearbeitung „wegdriftet“, verliert den Kontakt zur Gegenwart. Dann wird das Vorgehen angepasst, etwa mit mehr Stabilisierung und kleineren Bearbeitungsschritten. Mehr dazu: Dissoziation verstehen.
- Andauernde Bedrohung: Wer noch Kontakt zu Täterinnen oder Tätern hat oder in einer gefährlichen Lebenssituation lebt, braucht zunächst Schutz und Sicherheit.
- Schwere körperliche Erkrankungen: etwa bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei denen starke emotionale Erregung belastend sein könnte. Hier ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.
- Epilepsie und Augenerkrankungen: Bei Anfallsleiden oder Augenproblemen wird häufig auf taktile oder auditive Stimulation ausgewichen.
- Schwangerschaft: EMDR ist in der Schwangerschaft nicht grundsätzlich ausgeschlossen, sollte aber besonders sorgfältig geplant werden.
- Substanzabhängigkeit: Bei aktivem Konsum wird oft zunächst an Stabilität und Abstinenz gearbeitet.
- Laufende Gerichtsverfahren: Wenn die Erinnerung als Zeugenaussage benötigt wird, sollte vorher geklärt werden, ob und wie EMDR die Aussage beeinflussen könnte. Die Erinnerung verändert sich in ihrer emotionalen Qualität und kann weniger lebendig werden.
Wie Therapeutinnen Risiken verringern
- Gründliche Anamnese: Risiken wie Dissoziation, Suizidalität oder körperliche Erkrankungen werden vorab erfasst.
- Stabilisierung: Selbstberuhigungstechniken werden vor der Verarbeitung eingeübt.
- Stoppsignal: Die Klientin kann die Verarbeitung jederzeit unterbrechen.
- Anpassung der Dosierung: Kürzere Sets, langsamere Stimulation oder das Bearbeiten kleinerer Ausschnitte einer Erinnerung.
- Sorgfältiger Abschluss: Jede Sitzung wird stabil beendet, auch wenn die Verarbeitung noch nicht abgeschlossen ist.
- Erreichbarkeit: Absprachen, was zwischen den Sitzungen bei starker Belastung zu tun ist.
Risiko Selbstanwendung
Im Internet finden sich Videos und Apps, mit denen man angeblich selbst EMDR machen kann. Davon raten Fachleute bei traumatischen Erinnerungen ab: Ohne professionelle Begleitung fehlt die Sicherheit, wenn starke Gefühle oder Dissoziation auftreten. Mehr dazu im Artikel EMDR selbst anwenden – geht das?.
Häufige Fragen
Kann EMDR alles schlimmer machen?
Vorübergehend können Belastungen stärker werden, etwa nach einer Sitzung. Dauerhafte Verschlechterungen sind bei fachgerechter Anwendung selten. Wichtig sind gute Vorbereitung und offene Kommunikation mit der Therapeutin.
Wie lange halten Nebenwirkungen nach EMDR an?
Meist Stunden bis wenige Tage. Wenn Reaktionen sehr stark sind oder länger anhalten, solltest du dich an deine Therapeutin wenden.
Ist EMDR bei Dissoziation möglich?
Ja, aber mit Anpassungen: mehr Stabilisierung, kleinere Bearbeitungsschritte und besondere Aufmerksamkeit für den Kontakt zur Gegenwart. Das erfordert eine erfahrene Therapeutin.
Darf man EMDR in der Schwangerschaft machen?
EMDR ist in der Schwangerschaft nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Ob und wann eine Verarbeitung sinnvoll ist, sollte sorgfältig mit Therapeutin und gegebenenfalls Ärztin abgewogen werden.
Quellen & weiterführende Literatur
- Shapiro, F. (2018): Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy. Basic Principles, Protocols, and Procedures. 3rd ed. New York: Guilford Press
- AWMF: S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung (Registernummer 155-001)
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