Wie gut wirkt EMDR? Was Leitlinien und Studien wirklich sagen
Von der belächelten Außenseitermethode zur Leitlinienempfehlung: Wie EMDR in drei Jahrzehnten wissenschaftliche Anerkennung gewann – und welche Fragen bis heute offen sind.
Als Francine Shapiro 1989 ihre erste Studie zu EMDR veröffentlichte, stieß die Methode auf erhebliche Skepsis. Augenbewegungen gegen die Folgen von Gewalt und Katastrophen? Das klang für viele Fachleute zu einfach. Heute, mehr als drei Jahrzehnte und zahlreiche kontrollierte Studien später, gehört EMDR zu den Verfahren, die von internationalen Fachgesellschaften für die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung empfohlen werden. Dieser Artikel ordnet ein, was die Forschung tatsächlich zeigt – und was nicht.
Wie wird Wirksamkeit in der Psychotherapie gemessen?
Um die Wirksamkeit einer Therapie zu belegen, werden sogenannte randomisierte kontrollierte Studien durchgeführt. Dabei werden Teilnehmende per Zufall verschiedenen Gruppen zugeteilt, zum Beispiel einer EMDR-Gruppe, einer Gruppe mit einer anderen Therapie und einer Wartelistengruppe. Gemessen werden die Beschwerden vor und nach der Behandlung, oft mit standardisierten Interviews und Fragebögen. Metaanalysen fassen viele solcher Studien zusammen und erlauben verlässlichere Aussagen als einzelne Untersuchungen. Leitliniengremien bewerten diese Studienlage systematisch und leiten daraus Empfehlungen ab.
Internationale Empfehlungen im Überblick
| Leitlinie | Jahr | Empfehlung zu EMDR |
|---|---|---|
| Weltgesundheitsorganisation (WHO) | 2013 | Empfohlen für Erwachsene, Kinder und Jugendliche mit PTBS |
| NICE (Großbritannien) | 2018 | Empfohlen für Erwachsene mit PTBS nach nicht kriegsbedingten Traumata, wenn die Beschwerden länger als drei Monate bestehen |
| ISTSS (international) | 2019 | Starke Empfehlung für Erwachsene mit PTBS |
| S3-Leitlinie PTBS (Deutschland) | aktuelle Fassung | Traumafokussierte Psychotherapie als Behandlung der ersten Wahl; EMDR als eines der geeigneten Verfahren |
Gemeinsam ist allen Leitlinien, dass sie traumafokussierte Psychotherapie gegenüber Medikamenten als erste Wahl bei PTBS ansehen. EMDR steht dabei neben anderen Verfahren wie der traumafokussierten kognitiven Verhaltenstherapie, der Kognitiven Verarbeitungstherapie und der Prolongierten Exposition.
Anerkennung im deutschen Gesundheitssystem
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, hat EMDR 2014 als Methode zur Behandlung der PTBS bei Erwachsenen anerkannt. Seitdem kann EMDR im Rahmen von Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierter und analytischer Psychotherapie über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet werden, sofern Therapeutinnen eine entsprechende Qualifikation nachweisen. EMDR ist damit kein eigenständiges Richtlinienverfahren, sondern eine Methode, die innerhalb dieser Verfahren eingesetzt wird. Was das konkret für Patientinnen bedeutet, erklärt unser Artikel EMDR: Kosten und Krankenkasse.
Was Studien und Metaanalysen zeigen
Wirksamkeit bei PTBS
Metaanalysen kommen überwiegend zu dem Ergebnis, dass EMDR bei PTBS deutlich wirksamer ist als Wartelisten- oder unspezifische Kontrollbedingungen und ähnlich wirksam wie die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie. Die Effekte zeigen sich sowohl bei den Kernsymptomen der PTBS als auch häufig bei begleitenden Beschwerden wie Depressivität und Angst. Viele Studien berichten zudem, dass die Verbesserungen auch Monate nach Ende der Behandlung stabil bleiben.
Kinder und Jugendliche
Auch für Kinder und Jugendliche mit PTBS gibt es kontrollierte Studien, die positive Effekte von EMDR zeigen. Die Studienlage ist hier jedoch kleiner als bei Erwachsenen, und einige Leitlinien bevorzugen für diese Altersgruppe die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie als erste Wahl. Mehr dazu: EMDR bei Kindern und Jugendlichen.
Effizienz
Einige Studien deuten darauf hin, dass EMDR mit vergleichsweise wenigen Sitzungen auskommt und ohne Hausaufgaben zwischen den Sitzungen arbeitet. Direkte Vergleiche sind allerdings schwierig, weil Studien sich in Sitzungsanzahl, Stichprobe und Messinstrumenten unterscheiden.
Die Debatte um die Augenbewegungen
Eine der längsten Debatten in der EMDR-Forschung dreht sich um die Frage, ob die Augenbewegungen selbst überhaupt nötig sind – oder ob EMDR einfach eine Form der Exposition mit einem zusätzlichen Ritual ist. Frühe Studien kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen. In den vergangenen Jahren haben vor allem Laborstudien zur Arbeitsgedächtnis-Hypothese Hinweise geliefert, dass eine gleichzeitige Belastung des Arbeitsgedächtnisses die Lebhaftigkeit und emotionale Intensität von Erinnerungen tatsächlich verringert. Ob dies den gesamten Effekt von EMDR erklärt, ist offen.
Wo die Evidenz weniger gesichert ist
Für viele Anwendungsgebiete jenseits der PTBS gibt es vielversprechende, aber oft kleinere oder methodisch weniger robuste Studien:
- Angststörungen und Phobien: Erste Studien zeigen positive Effekte, besonders wenn die Angst auf ein konkretes Erlebnis zurückgeht. Für die meisten Angststörungen bleibt die kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition die besser belegte Methode. Mehr dazu: EMDR bei Angst und Panik.
- Depression: EMDR wird als Ergänzung erforscht, die Ergebnisse sind gemischt.
- Chronische Schmerzen: Einige Studien berichten Verbesserungen, die Datenlage ist aber begrenzt.
- Psychosen: Erste Studien zeigen, dass traumafokussierte Behandlungen inklusive EMDR auch bei Menschen mit Psychoseerfahrung sicher durchführbar sein können – unter fachkundiger Begleitung.
- Online- und Intensivformate: Die Forschung zu Online-EMDR und intensiven Kurzzeitprogrammen wächst, ist aber noch im Aufbau. Mehr dazu: Online-EMDR.
Was das für Betroffene bedeutet
Wer an einer PTBS leidet, kann sich auf eine solide wissenschaftliche Grundlage verlassen: EMDR ist eine der Behandlungen, die von allen großen Leitlinien empfohlen werden. Ob EMDR oder eine andere traumafokussierte Therapie besser passt, ist weniger eine Frage der Wirksamkeit als der persönlichen Passung. Entscheidend sind eine qualifizierte Therapeutin und eine gute therapeutische Beziehung. Unser Artikel EMDR oder Verhaltenstherapie? hilft bei der Entscheidung.
Häufige Fragen
Ist EMDR wissenschaftlich anerkannt?
Ja. EMDR wird von der WHO, der britischen NICE-Leitlinie, der ISTSS und der deutschen S3-Leitlinie als wirksame Behandlung der PTBS genannt. In Deutschland ist EMDR seit 2014 für Erwachsene mit PTBS als Methode anerkannt.
Wirkt EMDR besser als Verhaltenstherapie?
Bei PTBS zeigen Metaanalysen eine ähnliche Wirksamkeit wie die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie. Welche Methode besser passt, hängt vor allem von der Person und der Therapeutin ab.
Sind die Erfolge von EMDR dauerhaft?
Viele Studien berichten, dass die Verbesserungen auch Monate nach Behandlungsende stabil bleiben. Langzeitdaten über viele Jahre sind seltener.
Quellen & weiterführende Literatur
- World Health Organization (2013): Guidelines for the management of conditions specifically related to stress
- NICE (2018): Post-traumatic stress disorder. NICE guideline NG116
- ISTSS (2019): Posttraumatic Stress Disorder Prevention and Treatment Guidelines
- AWMF: S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung (Registernummer 155-001)
- Gemeinsamer Bundesausschuss (2014): Beschluss zur Anerkennung von EMDR als Methode zur Behandlung der PTBS bei Erwachsenen
- Shapiro, F. (1989): Efficacy of the eye movement desensitization procedure in the treatment of traumatic memories. Journal of Traumatic Stress, 2(2), 199–223
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