Was ist EMDR? Die Traumatherapie einfach und vollständig erklärt
Augenbewegungen, die belastende Erinnerungen entschärfen? Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist heute eine der am besten untersuchten Methoden zur Behandlung von Traumafolgen. Der große Überblick.
Ein Unfall, ein Überfall, ein plötzlicher Verlust, Gewalt in der Kindheit: Manche Erlebnisse lassen Menschen nicht mehr los. Bilder drängen sich auf, der Körper reagiert mit Herzrasen, bestimmte Orte oder Gerüche werden gemieden. Für genau solche Folgen wurde EMDR entwickelt – eine Psychotherapiemethode, die inzwischen weltweit eingesetzt und von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen wird. In diesem Artikel erfährst du, was hinter der Methode steckt, wie sie wirkt, wie eine Behandlung abläuft und für wen sie infrage kommt.
Was bedeutet EMDR?
EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, auf Deutsch etwa „Desensibilisierung und Neuverarbeitung durch Augenbewegungen“. Der Name beschreibt zwei Ziele: Eine belastende Erinnerung soll ihre überwältigende emotionale Kraft verlieren (Desensibilisierung), und sie soll neu eingeordnet werden, sodass sie als vergangenes Ereignis abgespeichert wird (Neuverarbeitung).
Entwickelt wurde EMDR Ende der 1980er-Jahre von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro. Nach ihrer eigenen Schilderung bemerkte sie 1987 bei einem Spaziergang, dass belastende Gedanken an Intensität verloren, während ihre Augen sich schnell hin und her bewegten. Aus dieser Beobachtung entwickelte sie in den folgenden Jahren ein systematisches Behandlungsverfahren, dessen erste kontrollierte Studie 1989 erschien. Mehr dazu in unserem Beitrag über die Meilensteine der EMDR-Geschichte.
Wie wirkt EMDR?
Die theoretische Grundlage von EMDR ist das sogenannte AIP-Modell (adaptive Informationsverarbeitung). Es geht davon aus, dass unser Gehirn Erfahrungen normalerweise verarbeitet und sinnvoll in bestehende Erinnerungsnetzwerke einordnet. Bei extrem belastenden Erlebnissen kann diese Verarbeitung blockiert sein: Die Erinnerung bleibt mit ihren ursprünglichen Bildern, Gefühlen, Gedanken und Körperempfindungen gewissermaßen „eingefroren“. Ein Geruch, ein Geräusch oder eine Situation, die an das Ereignis erinnert, kann sie dann so reaktivieren, als würde es gerade wieder geschehen.
EMDR soll die natürliche Verarbeitung wieder anstoßen. Wie genau die bilaterale Stimulation dazu beiträgt, ist noch nicht abschließend geklärt. Mehrere Erklärungen werden diskutiert:
- Arbeitsgedächtnis-Hypothese: Wer eine Erinnerung festhält und gleichzeitig den Augenbewegungen folgt, belastet das Arbeitsgedächtnis doppelt. Die Erinnerung wird dadurch weniger lebhaft und emotional weniger intensiv. Diese Erklärung ist in Laborstudien vergleichsweise gut untersucht.
- Orientierungs- und Entspannungsreaktion: Die rhythmische Stimulation könnte eine körperliche Beruhigung fördern, während die Erinnerung bearbeitet wird.
- Duale Aufmerksamkeit: Klientinnen sind gleichzeitig mit der Erinnerung und mit der sicheren Gegenwart verbunden. Das soll verhindern, dass sie von der Erinnerung überwältigt werden.
Unabhängig vom genauen Mechanismus ist die Wirksamkeit von EMDR bei der Posttraumatischen Belastungsstörung durch zahlreiche kontrollierte Studien belegt. Einen Überblick gibt unser Artikel Wie gut wirkt EMDR?.
Wie läuft eine EMDR-Behandlung ab?
EMDR ist weit mehr als Augenbewegungen. Die Behandlung folgt einem festen Protokoll mit acht Phasen, das für Sicherheit und Struktur sorgt:
- Anamnese und Behandlungsplanung: Welche Beschwerden bestehen, welche Erlebnisse hängen damit zusammen, welche Ressourcen gibt es?
- Vorbereitung: Erklärung der Methode, Einüben von Stabilisierungstechniken, Vereinbarung eines Stoppsignals.
- Bewertung: Das belastendste Bild, ein negativer Gedanke über sich selbst, ein gewünschter positiver Gedanke, das Gefühl und die Körperempfindung werden erfasst.
- Desensibilisierung: Die Erinnerung wird mit Sets bilateraler Stimulation verarbeitet.
- Verankerung: Der positive Gedanke wird mit der verarbeiteten Erinnerung verknüpft.
- Körpertest: Verbliebene Anspannungen im Körper werden aufgespürt und bearbeitet.
- Abschluss: Jede Sitzung wird stabil beendet.
- Überprüfung: In der nächsten Sitzung wird geprüft, was sich verändert hat.
Alle Phasen erklären wir ausführlich im Artikel Die 8 Phasen der EMDR-Therapie.
Wie fühlt sich eine Verarbeitungssitzung an?
In der Bewertungsphase wird die aktuelle Belastung mit der SUD-Skala von 0 bis 10 eingeschätzt. Dann beginnt die Verarbeitung: Die Klientin ruft das Bild kurz auf, und die Therapeutin führt etwa 20 bis 40 Sekunden lang ihre Hand oder einen Lichtpunkt hin und her. Danach folgt eine kurze Pause mit der Frage „Was nehmen Sie jetzt wahr?“. Häufig verändern sich Bilder, Gedanken und Gefühle von Set zu Set: Neue Details tauchen auf, andere verblassen, manchmal kommen Erinnerungen an ganz andere Situationen. Es ist nicht nötig, das Erlebte ausführlich zu erzählen – kurze Rückmeldungen genügen.
Viele Menschen berichten, dass die Erinnerung im Verlauf ferner, blasser oder „wie ein alter Film“ wirkt. Der Gedanke „Es ist vorbei“ fühlt sich dann nicht nur rational, sondern auch emotional stimmig an.
Für wen ist EMDR geeignet?
Am besten belegt ist die Wirksamkeit bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) – bei Erwachsenen ebenso wie bei Kindern und Jugendlichen. Typische Auslöser sind Unfälle, Gewalt- und Missbrauchserfahrungen, Kriegs- und Fluchterlebnisse, medizinische Notfälle, schwierige Geburten oder plötzliche Todesfälle. Welche Beschwerden auf eine PTBS hindeuten, beschreibt unser Artikel PTBS-Symptome erkennen.
Darüber hinaus wird EMDR bei weiteren Beschwerden eingesetzt und erforscht, etwa bei:
- Ängsten und Phobien, die auf ein bestimmtes Erlebnis zurückgehen
- komplizierter Trauer
- belastenden Erinnerungen, die keine PTBS-Diagnose erfüllen, den Alltag aber beeinträchtigen
- Depressionen und chronischen Schmerzen als Ergänzung zu anderen Behandlungen
Für diese Anwendungen ist die Studienlage weniger eindeutig als bei der PTBS. Mehr dazu im Beitrag EMDR bei Angst und Panik.
Besondere Sorgfalt ist nötig bei sehr instabilen Lebenssituationen, akuter Suizidalität, akuten Psychosen, ausgeprägter Dissoziation oder wenn Betroffene noch Kontakt zu Täterinnen oder Tätern haben. Dann steht oft zunächst die Stabilisierung im Vordergrund. Welche Nebenwirkungen und Gegenanzeigen es gibt, erklärt unser Artikel Nebenwirkungen und Risiken von EMDR.
Wie viele Sitzungen braucht man?
Das hängt stark von der Ausgangslage ab. Nach einem einzelnen traumatischen Ereignis bei sonst stabilen Lebensumständen reichen manchmal wenige Verarbeitungssitzungen. Bei wiederholten oder lang andauernden Traumatisierungen, etwa in der Kindheit, dauert die Behandlung deutlich länger und wird oft mit anderen therapeutischen Methoden kombiniert. Hinzu kommen Sitzungen für Anamnese, Vorbereitung und Nachbesprechung.
Zahlt die Krankenkasse EMDR?
In Deutschland hat der Gemeinsame Bundesausschuss EMDR 2014 als Methode zur Behandlung der PTBS bei Erwachsenen anerkannt. Seitdem kann EMDR im Rahmen einer genehmigten Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierten oder analytischen Psychotherapie über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet werden – vorausgesetzt, die Therapeutin verfügt über die entsprechende Qualifikation. Alle Details zu Kosten, privater Krankenversicherung und Selbstzahlung findest du im Artikel EMDR: Kosten und Krankenkasse.
EMDR im Vergleich zu anderen Traumatherapien
EMDR ist nicht die einzige wirksame Behandlung von Traumafolgen. Internationale Leitlinien nennen auch die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT), die Kognitive Verarbeitungstherapie (CPT) und die Prolongierte Exposition als Behandlungen erster Wahl. Ein Unterschied: Bei EMDR muss das Erlebte nicht im Detail erzählt werden, und es gibt in der Regel keine Hausaufgaben. Welche Methode besser passt, hängt von persönlichen Vorlieben und der Erfahrung der Therapeutin ab. Einen ausführlichen Vergleich bietet der Artikel EMDR oder Verhaltenstherapie?.
Was EMDR nicht ist
EMDR ist keine Hypnose und kein Verfahren, bei dem Erinnerungen „gelöscht“ werden. Klientinnen bleiben während der gesamten Sitzung wach und haben die Kontrolle; sie können jederzeit ein Stoppsignal geben. Ziel ist, dass die Erinnerung als etwas Vergangenes abgespeichert wird, an das man denken kann, ohne erneut überwältigt zu werden. EMDR ist auch keine Methode, die man sich nach einem Wochenendkurs oder per App selbst beibringen sollte – warum, erklärt unser Artikel EMDR selbst anwenden – geht das?.
Häufige Fragen
Wie viele EMDR-Sitzungen braucht man?
Das ist sehr individuell. Bei einem einzelnen traumatischen Ereignis reichen manchmal wenige Verarbeitungssitzungen, bei komplexen oder wiederholten Traumatisierungen dauert die Behandlung deutlich länger. Hinzu kommen Sitzungen für Anamnese und Vorbereitung.
Zahlt die Krankenkasse EMDR?
In Deutschland kann EMDR bei Erwachsenen mit PTBS im Rahmen einer von der Krankenkasse genehmigten Psychotherapie bei approbierten Psychotherapeutinnen und -therapeuten mit entsprechender Qualifikation abgerechnet werden.
Ist EMDR gefährlich?
EMDR gilt bei fachgerechter Anwendung als sicher. Während und nach Sitzungen können vorübergehend belastende Gefühle, Erinnerungen oder lebhafte Träume auftreten. Deshalb sind eine gute Vorbereitung und eine qualifizierte Therapeutin wichtig.
Muss ich bei EMDR über das Trauma sprechen?
Nicht im Detail. Die Therapeutin braucht einen Überblick, um die Behandlung zu planen. Während der Verarbeitung genügen kurze Rückmeldungen dazu, was gerade wahrgenommen wird.
Funktioniert EMDR auch ohne Augenbewegungen?
Ja. Statt Augenbewegungen können abwechselnde Berührungen (taktile Stimulation) oder Töne (auditive Stimulation) eingesetzt werden, etwa bei Augenproblemen oder wenn Augenbewegungen als unangenehm empfunden werden.
Wie schnell wirkt EMDR?
Manche Menschen spüren schon nach der ersten Verarbeitungssitzung eine deutliche Entlastung bei der bearbeiteten Erinnerung. Bis sich die Beschwerden insgesamt bessern, braucht es meist mehrere Sitzungen.
Weiterführende Links
- Die 8 Phasen der EMDR-Therapie – Der Ablauf Schritt für Schritt
- EMDR: Kosten und Krankenkasse
- Woran erkenne ich qualifizierte EMDR-Therapeutinnen?
Quellen & weiterführende Literatur
- World Health Organization (2013): Guidelines for the management of conditions specifically related to stress
- Gemeinsamer Bundesausschuss (2014): Beschluss zur Anerkennung von EMDR als Methode zur Behandlung der PTBS bei Erwachsenen
- AWMF: S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung (Registernummer 155-001)
- Shapiro, F. (2018): Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy. Basic Principles, Protocols, and Procedures. 3rd ed. New York: Guilford Press
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